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Einfach mal 70 Meter fallen lassen: Nervenkitzel beim Sprung ins Rappbode-Tal

  • Ein automatischer Auslöser beendet beim Gigaswing über der Rappbode diesen idyllischen Blick ins Tal in Sekundenbruchteilen. Dann geht es per Pendelsprungin die Tiefe. Foto: Christoph Keil Ein automatischer Auslöser beendet beim Gigaswing über der Rappbode diesen idyllischen Blick ins Tal in Sekundenbruchteilen. Dann geht es per Pendelsprungin die Tiefe. Foto: Christoph Keil
Freizeitspaß oder Höllentrip? TA-Reporter Peter Cott wagt an der Rappbode den Selbstversuch und springt den rund 70 Meter tiefen Gigaswing.
ElbingerodeDrei, zwei, eins. Wie Kaugummi ziehen sich diese letzten drei Sekunden vor dem Fall. Den quälenden Countdown, den mir Jumpmaster Toni Helmdach stoisch vorzählt, höre ich da schon kaum noch. Meine Halsschlagader trommelt einen wilden Rock ‘n‘ Roll, der mir bis in die Ohren pocht und alles übertönt.

Und während sich die Zeit ausdehnt, als säße ich in einem Topf mit altem Haferbrei, hänge ich eigentlich in einem Geschirr, ähnlich dem, wie es sonst Bergretter verwenden. Drei Kunststoffseile halten mich rund 80 Meter über der Rappbode. Nicht mehr lange allerdings! Nach dem Countdown werde ich nur noch ein leises „Klick“ hören, um im selben Moment per Pendelsprung von der längsten Hängeseilbrücke ihrer Art in die Tiefe zu stürzen.      „Gigaswing“   nennen seine  Macher diese im Mai eröffnete Attraktion an der Talsperre. „Das ist nichts für schwache Nerven. Ein absolutes Muss für alle Adrenalinjunkies“, werben sie im Internet. Das mit den Nerven merke ich grad selbst, ohne dabei jedoch Adrenalinjunkie zu sein – eher gemütlicher Genussmensch als derber Draufgänger.

Und während ich da so in einer völlig entschleunigten Umwelt hänge, arbeitet mein Gehirn nun schneller als gewöhnlich. Verarbeitet Reize so detailliert wie selten, stellt viele Fragen: Ob die sonst so brodelnde Rappbode heute so friedlich dahinplätschert und in der Sonne glitzert, um mich zu verhöhnen beispielsweise. Oder ob meine jüngste Schnapsidee, hier runterzuspringen, die bislang hochprozentigste von allen ist.

  • Noch bevor es auf die Absprungplattform geht, sichern Jumpmaster Toni Helmdach und Maschinistin Madeline Hinze sich und die Gäste ab. Foto: Christoph Keil Noch bevor es auf die Absprungplattform geht, sichern Jumpmaster Toni Helmdach und Maschinistin Madeline Hinze sich und die Gäste ab. Foto: Christoph Keil
Die meisten Gäste sind freiwillig hier, hatten mir Toni Helmdach und Madeline Hinze noch auf festem Boden erzählt. Beide sind bei diesem Sprung für die Sicherheit zuständig. Es gebe wohl keinen schöneren Arbeitsplatz als diese Brücke „Draußen in der Natur und umgeben von glücklichen Menschen“, schwärmen sie. Ich muss da eine Ausnahme bilden: Nackte Panik übermannt mich.

Ich hoffe im Gespräch mit den beiden, ein paar beruhigende Details zu erfahren. Aber Fehlanzeige! Alle der 23 Sprungleiter hätten den Gigaswing schon mehrfach absolviert, einige immer mit schlaflosen Nächten zuvor, scherzen die zwei. „Der Körper gewöhnt sich nicht daran. Es ist jedes Mal wieder ein Adrenalinrausch“, erklären sie, während sie meinem schlotternden Körper das Geschirr umlegen und mehrfach prüfen.

Knapp drei Sekunden freier Fall ins Tal „Einmal“, erzählt Helmdach dann, „hatten wir sogar einen Fallschirmspringer hier. Er fand den Gigaswing heftiger als all seine Sprünge aus dem Flugzeug.“ Wohl weil der Boden näher ist als beim Fallschirm, vermutet er.

Sehr beruhigend ist das nicht. Beruhigen sollen stattdessen die zwei blauen Karabinerhaken an meiner Brust. „Weil du in Deutschland springst, gibt es noch ein drittes Redundant-Sicherungsseil obendrauf“, lacht Helmdach. Ich pendele da schon über der Schlucht und schließe innerlich ab. „Danke Deutschland“, sage ich innerlich. Dann also nach dem Herzstillstand vor lauter Nervenkitzel an drei Seilen hängen.

Und da ist es: „Drei, zwei, eins“ und dann das „Klick“! Mein Körper drückt ein letztes Mal aufs Gaspedal, was die Adrenalinzufuhr angeht. Ich kralle mich in mein Geschirr, bis meine Fingerknöchel weiß werden. Der obligatorische Angstschrei bleibt mir im Halse stecken.

All die Jahre hatte ich gar keine Höhenangst, wie lange angenommen. Höhe ist etwas Schönes. Nur das Fallen hat mir Sorge bereitet . . .

Aber während ich gen Tiefe rausche, schwindet dieser letzte Gedanke. Knapp drei Sekunden freier Fall. Fast schwerelos, wird Angst plötzlich fast zu einem Gefühl der Gelassenheit, zu Euphorie. Als ich sanft in die Gurte sinke, baumelt da zwar noch immer kein Adrenalinjunkie, zumindest aber ein breit grinsender Pendelspringer über das Tal.

Lust bekommen? Alle Infos zu den Attraktionen an der Rappbode gibt es im Internet unter oder telefonisch unter (039454) 20 90 00

Peter Cott / 19.08.17 / TA
Z0R0131827671
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